- Die Anfänge: Tuning für einen britischen Baron
- Royce kämpft gegen den schlechten Geschmack
- Auf die Knie, „Spirit of Ecstasy“!
- Stets gegossen: Die Fertigung der Ikone mit den vielen Namen
- Last woman standing: Die einsame „Spirit of Ecstasy“
- Ein Symbol für Beständigkeit im Wandel
Die Anfänge: Tuning für einen britischen Baron
Es war einmal ein reicher Mann, der mochte Autos. Nein, das hier ist kein Märchen, sondern die wahre Geschichte der berühmtesten Kühlerfigur überhaupt: die „Spirit of Ecstasy“.
Der reiche Mann hieß John Walter Edward Douglas-Montagu-Scott, er lebte von 1866 bis 1923, und er war der zweite Baron Montagu of Beaulieu. Der Mann mit dem beeindruckenden Namen gilt als einer der wichtigsten britischen Autopioniere; zudem gab er das Magazin „The Car Illustrated“ heraus.
Um 1910 begannen dann wohlhabende Autoeigner, den Einfüllstutzen der Motorkühlung mit prachtvollen Figuren zu verschönern, um ihrem individuellen Geschmack Ausdruck zu verleihen. Auch der Baron konnte der Tendenz nicht widerstehen – und beauftragte den Künstler Charles Robinson Sykes (1987–1950), eine solche Figur exklusiv für seinen Rolls-Royce Silver Ghost zu kreieren.
So entstand ein edles Ornament, das bis zum Tode des Barons auf dem Kühler seines Rolls-Royce thronen sollte. Als Modell und Inspiration soll die Tänzerin Eleanor Thornton gedient haben, die mutmaßliche Geliebte des Barons. Passend zu dieser geheimen Liebschaft nannte Sykes die Figur „The Whisper“, ein Finger auf den Lippen symbolisierte das Geheimnis.
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Royce kämpft gegen den schlechten Geschmack
Die mehr oder weniger geschmackvollen Kunstwerke, die um 1910 den Kühlerdeckel der Luxusgefährte zierten, waren Rolls-Royce-Gründer Henry Royce zunächst ein Dorn im Auge. Einerseits hatte er das Gefühl, dass sie die Schönheit seiner hochwertigen automobilen Kreationen zerstörten. Andererseits existierten zu viele Varianten, es gab also keine Wiedererkennung. Deshalb sollte eine eigene Figur für die britische Luxusmarke her.
Charles Sykes’ persönliche Verbindung zu Claude Johnson, dem damaligen Geschäftsführer von Rolls-Royce Motorcars, ermöglichte dem Künstler, der Marke seine Kreation als offizielle Kühlerfigur schmackhaft zu machen. Er rannte offene Türen ein, Royce und Sykes kamen ins Geschäft. Wichtigster Eintrag im Lastenheft: Die Figur sollte so anmutig sein, dass niemand auf die Idee kam, sie zu entfernen.
Der Künstler fertigte höchstpersönlich
Weil ihm der ursprünglich angedachte Name „Spirit of Speed“ wenig zurückhaltend erschien, entschied sich Henry Royce schließlich für die Bezeichnung „Spirit of Ecstasy“. Von 1911 bis Ende der 1920er-Jahre entstanden die anfangs aufpreispflichtigen Skulpturen allesamt unter der strengen Aufsicht des Künstlers höchstpersönlich. Ab 1939 gehörte die zunächst 17 Zentimeter hohe Dame auf der Haube zur Serienausstattung eines jeden Rolls-Royce.
Auf der Überholspur
Auf die Knie, „Spirit of Ecstasy“!
Im Laufe der Jahre erfuhr die „Spirit of Ecstasy“ diverse Veränderungen. So existierte von Mitte der 1930er- bis in die 1950er-Jahre eine flachere, kniende Version der Figur. Grund dafür war die Größe der anderen Variante, die dem Fahrer oder der Fahrerin zu viel Sicht auf die Straße nahm. Die neue Version kam beim Silver Wraith und dem Silver Dawn zum Einsatz.
Der nächste große Einschnitt wurde durch immer strengere Sicherheitsbestimmungen bedingt, die Figur galt plötzlich als Verletzungsrisiko. In der Schweiz lag deshalb die „Spirit of Ecstasy“ in den 1970ern bei Auslieferung zeitweise im Handschuhfach. Dank eines automatischen Klappmechanismus, der bei leichter Berührung oder ausgeschaltetem Motor zum Einsatz kam, ließ sich die Figur später wieder auf der Haube platzieren.
Bunte Vielfalt der Kühlerfiguren: Katzen, Krieger, Flugzeuge
Stets gegossen: Die Fertigung der Ikone mit den vielen Namen
Im Laufe der Jahre kamen für die „Spirit of Ecstasy“ unterschiedliche Materialien zum Einsatz – allerdings niemals, wie häufig kolportiert wurde, reines Silber. Anfangs bestand die Figur aus Bronze und Aluminium, heute ist sie aus Edelstahl, der auf Hochglanz poliert ist.
Die aktuelle Produktion läuft im so genannten Negativverfahren ab: Ein Rohling aus Kunststoff dient als Vorlage (Positiv) der stets für ein einziges Exemplar verwendeten Form. Darum herum entsteht nach mehreren Tauchgängen eine feste Keramikschicht. Diese Negativform wird nun mit hohem Druck und viel Wärme von der innenliegenden Vorlage befreit.
Danach kommt 1500 Grad heißer Edelstahl in die Form und darf einen Tag auskühlen, ehe die Veredelungsschritte bis zum finalen Polieren folgen. Die Herstellung einer Figur dauert insgesamt zehn Tage.
In einigen Weltgegenden trägt die Figur übrigens den Spitznamen „Emily“, während sie beispielsweise in den USA eher als „The Flying Lady“ bekannt ist. Beides waren jedoch niemals offizielle Bezeichnungen.
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Last woman standing: Die einsame „Spirit of Ecstasy“
Auch heute noch ändert die hübsche Dame auf der Haube ihre Optik – ganz zeitgemäß: Für den Rolls-Royce Spectre, das erste elektrische Modell der Edelmarke, wurde ihre Aerodynamik verbessert, um ein Höchstmaß an Effizienz zu bieten – und natürlich auch, um noch einmal auf die Schönheit der Figur hinzuweisen. Diese schrumpfte von 100 auf 83 Millimeter.
Allerdings ist es einsam um die „Spirit of Ecstasy“ geworden: Rolls-Royce ist inzwischen der einzige Hersteller, der sämtliche Autos mit Kühlerfigur ausliefert. Selbst die Mercedes-Benz-Werke, die lange Zeit jedes Modell mit dem steil auf der Haube stehenden Stern herstellten, bringen diesen nur noch an ausgewählten Modellen der S-Klasse und in der Maybach-Variante an. Auch den „Leaper“ von Jaguar oder Bentleys „Flying B“ gibt es nur noch auf ausdrücklichen Wunsch als Zubehör.
Ein Symbol für Beständigkeit im Wandel
Auf die Idee, eine Frau im wehenden Kleid auf die Haube eines Autos zu setzen, käme heute wohl niemand mehr. Während die allermeisten Autohersteller gezwungen sind, sich von traditionellen Eigenschaften der Marke zu trennen, wie etwa BMW vom Heckantrieb oder Porsche vom Bau schnittiger Sportwagen, hält Rolls-Royce erfolgreich an diesem Merkmal aus den Anfängen des Automobilbaus fest. Vielleicht klappt es so gut, weil „Emily“ – trotz aller äußerlichen Veränderungen – ein Symbol für die Beständigkeit ist, nach der sich viele sehnen.